Gott schreibt Geschichte. Ein Grossteil davon wurde nie aufgeschrieben, weshalb heute vieles in Vergessenheit geraten ist, das in seiner Wirkung noch lange über seine Zeit hinaus das Leben der Menschheit geprägt hat. Doch aus den erhaltenen Dokumenten können wir die spannende Geschichte von St. Chrischona gut nachskizzieren.
Die reformatorischen Aufbrüche des 16. Jahrhunderts erstarrten leider im Zeitalter der Orthodoxie an vielen Orten. Dabei verlor der Glaube seinen lebendigen und ins Leben greifenden Aspekt. Dazu kam im 17. Jahrhundert die Aufklärung mit ihrem Programm der Säkularisation. In das entstehende Glaubensvakuum rief der Pietismus (pietas – Frömmigkeit) zurück zur konkreten Nachfolge. Kopf dieser Bewegung war der lutherische Theologe Philipp Jakob Spener (1635-1705). Mit seiner programmatischen Schrift „Pia Desideria“ (= Fromme Anliegen) gab er den Impuls zu einem persönlichen und kirchlichen Glauben, der im Leben jedes Glaubenden sichtbar wird. Darin legte er Wert darauf, dass sich die Gläubigen im Privatleben wie in der Gemeinde intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, dass der christliche Glaube Werke hervorbringt und dass die Verkündigung die Gemeinden erweckt und erbaut.
Erweckliche Kreise in Deutschland und der Schweiz wehrten sich im 18. Jahrhundert gegen die antireligiöse Aufklärung und die aufkommende kritisch-liberale Theologie. Einer der wichtigsten Eckpfeiler war die 1780 gegründete Gesellschaft „zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit“ (Christentumsgesellschaft). Schon 1807 übernahm der württembergische Pfarrerssohn und Verwaltungsangestellte, Christian Friedrich Spittler (1782-1867), die Leitung der Gesellschaft. In dieser Funktion gründete Spittler rund dreissig missionarisch-diakonische Werke, von denen viele bis heute ihre segensreichen Spuren in der Gesellschaft hinterlassen.
Der PionierEines dieser Werke ist die Pilgermission St. Chrischona. Diese gründete er in eine Zeit hinein, in der viele Europäer dem Glauben den Rücken zukehrten. So drückte Spittler auch seine Motivation wie folgt aus: „Wenn es des Herrn gnädiger Wille ist, dass die Heiden durch das Evangelium Christen werden, so muss es ebenso, ja noch mehr sein Wille sein, dass Christen, die das Evangelium haben, keine Heiden werden. Deswegen ist die Mission unter der Christenheit, besonders angesichts des Zeitgeistes, eine so wichtige.“ 1827 sandte Spittler junge Handwerker aus dem Basler Jünglingsverein nach Österreich, Frankreich und Belgien aus, um dort ihr Handwerk auszuüben und den Glauben an Jesus Christus zu erwecken. So konnten einige Versammlungen gegründet werden. Diese jungen Boten wurden aber auch mehrfach in Gefängnisse gesteckt.
Deren Berichte zeigten, dass für eine derartige Aufgabe eine solide theologische Ausbildung notwendig ist. So zogen Spittler, dessen Pflegetochter Susette und der Schreinermeister Epple am 8. März 1840 in das halb zerfallene Kirchlein St. Chrischona ein. Unter unermüdlichem Einsatz wurde dieses altehrwürdige Gemäuer bewohnbar gemacht. Bald kamen weitere Männer hinzu und ab 1841 erteilte Pfarrer Gottlieb Schlatter biblischen Unterricht. 1847 kamen zwei weitere Lehrer hinzu, die mit einem systematischen Unterricht begannen und einen ersten wesentlichen Aufschwung einleiteten. Die Absolventen wurden in verschiedene Aufgaben berufen. Ein grosses Einsatzgebiet war das amerikanische Texas, wo sie als Pfarrer und Katecheten unter den deutschsprachigen Einwanderer wirkten. Im Jahr 1860 war die Schar der Brüder auf 41 angewachsen, was bauliche Massnahmen zur Folge hatte. So wuchs die Pilgermission in personeller wie in baulicher Hinsicht stetig. 1865 wurden bereits 38 Wochenstunden Unterricht erteilt. Die Schülerzahl war mittlerweile auf 64 angestiegen. Mehr als 250 standen bereits im Dienst. 1867/68 riss der Tod Spittlers und zwei weiterer wichtiger, Mitarbeiter des Werkes einen personellen Engpass, der begleitet von finanziellen Problemen, eine erste grosse Krise herbeiführte.
Der EvangelistMit bewundernswertem Gottvertrauen stellten sich Carl Heinrich Rappard (1868-1909) und seine Frau Dora, dem neuen Auftrag und übernahmen die Leitung der Pilgermission. Rappard legte grossen Wert darauf, dass mit der Ausbildung nicht nur der Verstand, sondern der ganze Mensch geprägt wird. Er erweiterte 1871 den Unterricht auf vier Jahre.
Rappard leitete einen der revolutionärsten Schritte in der Geschichte der Pilgermission ein, indem er die Gründung einer Bibelschule für Frauen vorbereitete. Unter der Leitung seiner Tochter, Maria Rappard, wurde die Bibelschule für Frauen noch in seinem Todesjahr ins Leben gerufen.
Der SeelsorgerFriedrich Veiel (1909-1947) wurde als Nachfolger von Rappard in das Amt des Direktors berufen. Schon 1910 durfte erleben, wie mit 112 Brüdern eine neue Höchstzahl an Seminaristen in der „Pilgermissions-Anstalt“ studierten. Der erste Weltkrieg führte zu einer weiteren Krise. Die Schülerzahl sank bereits 1915 auf unter 20. Nach Ende des Krieges stieg die Studentenschaft zwar wieder auf 97, aber 38 deutsche Seminaristen kehrten aus Krieg und Gefangenschaft nicht mehr zurück.
Viele erweckliche Aufbrüche in den Zwanzigerjahren führten dazu, dass die Brüderzahl auf über 110 anstieg. Im Jahr 1926 lagen 130 neue Anmeldungen vor, von denen aber nur dreissig berücksichtigt werden konnten. Dank erneuten baulichen Massnahmen konnte die stetig anwachsende Studiengemeinschaft weiterhin beherbergt werden. Das Hitler-Reich bewirkte schon bald wieder einen Rückgang der Studentenzahlen. Während des zweiten Weltkrieges lebten nur mehr 16 Brüder am Seminar. Diesem Krieg fielen 29 Studenten zum Opfer. Nach 37 bewegten Jahren als Leiter der Pilgermission übergab Friedrich Veil das Amt an Hans Staub.
Die NachkriegsjahreWie schon seine Vorgänger hatte Hans Staub (1898-1967) die Ausbildung am Seminar durchlaufen. So war er mit Leben und Werk der Pilgermission bereits bei seiner Einsetzung bestens vertraut. Nach 1948 nahmen die Studentenzahlen erneut stetig zu, so dass bereits 1959 wieder über hundert junge Männer in der Ausbildung standen. Auch zählte die Bibelschule für Frauen mittlerweile über vierzig Schülerinnen. Deren Ausbildungszeit wurde 1958 auf zwei Jahre erhöht, damit sie den wachsenden Anforderungen in Gemeinde und Mission gerecht werden konnten. Hans Staub trat 1967 von seinem Amt zurück und starb noch im selben Jahr.
Der PraktikerIn seine Fusstapfen trat Edgar Schmid (1923-2003). Er legte auf eine praxisnahe Ausbildung grossen Wert und führte in diesem Zusammenhang die Sommerpraktika in der Bibelschule und am Predigerseminar ein. Auch sind die Geistlichen Einführungstage zu Beginn des Schuljahres, die Gebetsvormittage im Laufe des Semesters und die Stillen Tage vor der Einsegnung der Absolventen auf seine Initiative zurückzuführen. 1975 erreichte die Zahl der Seminaristen einen Nachkriegs-Höchststand von 116. Die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler an Seminar und Bibelschule stieg in den Folgejahren mehrmals auf über 180. 1968 wurde die Kurzbibelschule für ehrenamtliche Mitarbeiter auf St. Chrischona gegründet, die von Anfang an auf grosses Echo stiess. 1975 wurde die Bibelschule für Frauen um ein weiteres Studienjahr erweitert. Das zusätzliche dritte Jahr legte besonderen Wert auf die Vermittlung von biblischen Wahrheiten im Unterricht.
Der Reformer
1991 übernahm Karl Albietz die Chrischonaleitung. Zu seiner Entlastung wurde der Vorsitz der Schule an Reinhard Frische abgegeben. Vorwiegend unter dessen Federführung erfolgte 1994 die erste Studienreform, welche grosse Veränderungen mit sich brachte. Es erfolgte die Umbenennung in neu „Theologisches Seminar St. Chrischona.“ Dann wurde die Bibelschule für Frauen aufgelöst und in das Theologische Seminar integriert. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Theologische Ausbildung als drei- und fünfjähriger Lehrgang angeboten. Die zuvor vier Jahre dauernde Ausbildung wurde mit einem Praxisstudienjahr ergänzt. Neu konnten die Studenten auch wählen, ob sie sich eher in Richtung Mission oder Gemeindearbeit ausbilden wollten. Bei der dreijährigen Ausbildung wurden gar drei wählbare Zweige eingeführt - der religionspädagogische-, der diakonische- und der Missions-Zweig. Im Rahmen des Missionszweiges war es neu auch für Frauen möglich, fünf Jahre zu studieren. Diese Option wurde 1998 auf den Predigerzweig erweitert. Zusammen mit den Theologischen Seminaren Tabor und Liebenzell knüpfte das TSC erste Kontakte mit der Middlesex University bezüglich einer Validierung der Lehrgänge. Diese Allianz konnte 1999 dann definitiv geschlossen werden. In dieser Zeit wurde auch der biblische Jahreskurs ins Leben gerufen, der von da an fest zum Ausbildungsprogramm des TSC gehört.
Lange Zeit galten strenge Regeln
Lange herrschten auf St. Chrischona strenge Regelungen. So war beispielsweise der Kontakt zwischen den Studenten des Seminars und den Bibelschülerinnen lange untersagt. Als die beiden Einrichtungen miteinander verschmolzen wurden, galt die Regelung, dass während der gesamten Dauer des Studiums keine Freundschaft geschlossen werden durfte. Da sich herausstellte, dass diese Freundschaftsregel nicht haltbar war, wurde sie soweit angepasst, dass lediglich im ersten Studienjahr keine Freundschaft geknüpft werden durfte. Diese Regel wurde 1999 ersatzlos gestrichen. 1996/97 wurde erstmals das Heiraten in den Semesterpausen erlaubt. Ebenfalls ab 1999 wurde es den Studierenden freigestellt, wann sie den Bund der Ehe schliessen wollen. Nach engagiert geführten Diskussionen wurde 2003 auch das Alkoholverbot, das bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Ganzen Areal (ausser dem Restaurant Waldrein) gegolten hatte, aufgehoben. Heute liegen derartige Entscheidungen in der Eigenverantwortung der Studierenden, obwohl eine so grosse Studien- und Lebensgemeinschaft immer einiger grundsätzlicher Regeln bedarf.
Qualitätssteigerung2001 übernahm Dr. Markus Müller das Amt des Direktors der Pilgermission. Er leitete von 2001 bis 2006 auch das Theologische Seminar. Dabei wurde er von Dr. Andreas Loos, Horst Schaffenberger, Manfred Wolf und Walter Stauffacher unterstützt, mit denen er zusammen die Seminarleitung bildete. Unter der Federführung von Dr. Markus Müller wurden etliche Bereiche des Seminars ausgebaut, reformiert und den neuen Herausforderungen angepasst.
Der Brückenbauer2006 wurde Horst Schaffenberger zum Leiter des Theologischen Seminars berufen. Er möchte eine Brückenfunktion zu Institutionen, Werken, Gemeinden und Vertretern des öffentlichen Lebens in der Schweiz und Deutschland wahrnehmen. Ihm ist die weitere Qualtitätssteigerung der Studiengänge wichtig, wobei er grossen Wert auf die Begleitung und das Coaching der Studierenden legt. Das Eingebundensein in das Werk der Pilgermission betrachtet er als Geschenk. Schaffenberger strebt eine gesunde Verbindung von Praxis und Theorie an. Er möchte erforschen, welche Kompetenzen von künftigen Predigern und Pastoren gefordert werden, sich aber nicht dem Diktat der Praxis beugen. In diesem Sinne versteht er das Theologische Seminar St. Chrischona auch als Korrektiv für Gemeinden.
Horst Schaffenberger (50) studierte am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) von 1980 bis 1984 und arbeitete als Jugendreferent und Pastor. Seit 1992 unterrichtet er als Dozent am tsc mit Schwerpunkt „Praktische Theologie“. Zurzeit arbeitet er an einer Dissertation an der London School of Theology (Fachgebiet Pastoraltheologie).
Die Ausbildungsmöglichkeiten
Das tsc bietet einen Bachelor-Abschluss in Theologie und einen in Religionspädagogik (Christian Education) an, beide Studiengänge sind von der Middlesex University validiert. Im CTL-Konsortium wird ein berufsbegleitender Kurs angeboten, der mit einem Masterabschluss (Master of Arts in Pastoral Studies) abschliesst. Daneben werden tsc-eigene Studiengänge angeboten mit einem Diplom in Theologie bzw. Missiologie. Im Fernmodus können Bibelkunde im Alten und Neuen Testament belegt werden. Als Weiterbildungsmöglichkeit gibt es den Biblischen Jahreskurs und eine mehrwöchige Kurzbibelschule.
Literaturhinweise: